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In diesem Kapitel geht es um das Sammeln von Steinen, die wie die Objekte aus den anderen beiden ›Reichen der Natur‹: Flora und Fauna, ein unverzichtbarer Bestandteil der Kunst- und Naturalienkabinette in der Frühen Neuzeit waren. Dabei wurden Steine, weil sie ›unbeseelt‹ und keine Lebewesen waren, als niederste Form der natürlichen Phänomene angesehen. Hingegen wertete man sie als einen anfänglichen Zustand und damit als Grundlage aller belebten Natur. Alle anderen Existenzformen bauten auf ihnen auf und in gewisser Weise blieb das Steinerne in allen höheren Daseinsformen und Wesen der Natur enthalten. Diese Bedeutung für den Kosmos motivierte zum Sammeln von Steinen und zu deren Präsentation in den Naturalienkabinetten.

Der Versteinten Cörper Vierte Ordnung: Die Versteinten Land=Gewächse, in: Johann Lucas Woltersdorf: Systema Minerale In Quo Regni Mineralis Producta Omnia Systematice Per Classes, Ordines, Genera Et Species Proponuntur = Mineral-System worin alle zum Mineral-Reich gehörige Cörper in ordentlichem Zusammenhange nach ihren Classen, Ordnungen, und Arten vorgetragen werden. Berlin: Kunst, 1748, 43, Reproduktion. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

Einige Sammler fanden eigene Ordnungssysteme und publizierten sie, zum Teil in Katalogen ihrer Sammlungen. Manche dieser Systeme gerieten in Vergessenheit, andere fanden Nachahmer.

Versteinerte Wasserlebewesen, in: Johann Ernst Immanuel Walch: Das Steinreich, systematisch entworfen. Bd. 2. Halle: Gebauer, 1764, 76f. und Tab. 2 Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

Johann Lucas Woltersdorf (1721–1772) war Theologe und eifriger Mineraliensammler. Bezogen auf seine Sammlung entwickelte er ein eigenes Ordnungssystem und publizierte es. Jedoch erlangte dies niemals eine größere wissenschaftliche Bedeutung.

Johann Ernst Immanuel Walch (1725–1778) war Professor an der Philosophischen Fakultät der Universität Jena und interessierte sich für geologische und paläontologische Themen, wozu er auch publizierte. Seine geologische und paläontologische Sammlung, die er in diesem Sammlungskatalog beschreibt, befindet sich heute in den Sammlungen der Jenaer Universität.

Exemplarisch für die Aufbewahrungs- und Präsentationsmöbel von Mineralien jener Zeit steht Mineralienschrank in der Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen, der um 1740 gebaut und eingerichtet wurde. Von den Türen verdeckt ist die Ordnungsnummer »1.A«. Umgeben ist der Schrank rechts von den Schränken »2.B« und »3.C«, die Pflanzen präsentieren, sowie links von »4.D« und »5.E«, die Tiere enthalten. So kann man angesichts der Nummerierung sehen, dass die Mineralien als der Anfang bzw. die Grundlage der anderen Phänomene in der Natur angesehen wurden und von diesen, den Pflanzen und Tieren, umgeben sind. Aufgeteilt ist der Schrank in drei Bereiche: unten der Depotbereich mit den Schubladen, in denen die weniger spektakulären Stücke aufbewahrt wurden. Darüber der Präsentationsbereich mit den Glastüren für die spektakuläreren Objekte und oben die kunstvolle Bekrönungsmalerei, die auf den Inhalt des Schrankes hinweist. Aus dem Sammlungskatalog von 1742 wissen wir auch, dass die Mineraliensammlung nach dem System des Schwedischen Biologen Carl von Linné geordnet war. Sein Ordnungssystem für Tiere und Pflanzen ist noch heute gebräuchlich, doch das für Mineralien setzte sich langfristig nicht durch.

Gottlieb Friedrich Mylius (1675–1726) hatte in Halle und Leipzig Jura studiert und arbeitete als Advokat in Leipzig. Er legte – wohl auch motiviert durch die Sammlungen in den Franckeschen Stiftungen – ein bedeutendes Naturalienkabinett an und sammelte dafür systematisch Mineralien aus der sächsischen Region. In seinem Sammlungskatalog zu den Mineralien werden auch die sogenannten Kupferschieferheringe der Mansfelder Region vorgestellt.

Vom Eißlebischen Kupffer-Bergwerck und dessen Figurirten Schieffern (versteinerte Fische (Palaeoniscum freieslebeni) in Kupferschiefer), Kupferstich in: Gottlieb Friedrich Mylius: Memorabilium Saxoniae Subterraneae Pars Prima. I[d] e[st] Des Unterirdischen Sachsens Seltsamer Wunder Der Natur Erster Theil: Worinnen die Auf denen Steinen an Kräutern, Bäumen, Bluhmen, Fischen, Thieren, und andern dergleichen besondere Abbildungen, so wohl Unsers Sachsen-Landes, als deren so es mit diesen gemein haben, gezeiget werden. Leipzig: Groschuff, 1709, Fol. 4. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

In den Bergwerken der Grafschaft Mansfeld wurden massenhaft gut erhaltene versteinerte Fische im Kupferschiefer gefunden. Diese waren in der Frühen Neuzeit beliebte Sammlerobjekte und häufig in Sammlungskatalogen abgebildet. Umgangssprachlich wurden sie als Kupferschieferheringe bezeichnet. Der biologischer Name der inzwischen ausgestorbenen Knochenfische lautet Palaeoniscum freieslebeni.

Die zwei Objekte unten stammen aus anderen Schränken der Kammer, stehen aber in einem Zusammenhang zu Mineralien und dem Bergbau.

Versteinerter Fisch (Palaeoniscum freieslebeni) in schwarzem Tonstein, Eisleben. Halle, Franckesche Stiftungen: KNK

Ein sogenannter Handstein ist ein aus Mineralien gefertigtes Kunstobjekt, das ein Bergwerk darstellt. Dem Handstein fehlt die bekrönende Bergmannsfigur oder das abschließende Kreuz. In der oberen Etage befindet sich eine Haspel oder Winde mit Haspelknecht, weitere Knechte sind nur fragmentarisch erhalten. Auf der mittleren Etage befinden sich drei Bergleute bei der Arbeit im Bergwerk, unten baut ein sitzender Bergmann Erz ab, ein Knappe kommt aus einem Stollen, ein anderer bewegt einen Schubkarren.

Handstein mit Miniaturbergwerk, Sächsisches Erzgebirge, wahrscheinlich Freiberg, um 1720, Material: Holz, Flussspate, Antimonite, Milchquarz, Bleiglanz, Pyrit, Hämatite Halle, Franckesche Stiftungen: KNK

Auch die Eingerichtflasche zeigt ein Bergwerk. Solche Flaschen wurden von den Bergleuten im Erzgebirge in ihrer Freizeit hergestellt und waren quasi die Vorläufer des Buddelschiffs. Die Montage von Alltagsituationen im Bergbau in solchen Geduldsflaschen betrieben die Bergleute im Erzgebirge und deren Familien an langen Winterabenden. Der Verkauf der Flaschen brachte einen willkommenen Zuverdienst. Die Tracht der hier dargestellten Bergleute ist die des sächsischen Erzgebirges. Die Anfertigung solcher Eingerichte mit Szenen aus dem Bergbau war eine Spezialität der Region.

Eingericht/Geduldflasche mit der Darstellung eines Bergwerks, Sächsisches Erzgebirge, zwischen 1720 und 1740, Material: Glas, Holz, Blattgold, Ton, Eisen, Bleiglanz Halle, Franckesche Stiftungen: KNK

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Die Sammlung Keferstein

1850 schenkte der hallische Geologe Christian Keferstein (1784–1866) seine mineralogische Sammlung den Franckeschen Stiftungen. Sie umfasste mehr als 10.000 Objekte in 19 Sammlungsschränken – die Sammlung befindet sich heute im Institut für Geowissenschaften und Geographie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die Sammlungsschränke sind verloren. Sie bestand aus zwei Teilbereichen, einer mineralogischen Sammlung, die nach dem System des Mineralogen Abraham Gottlob Werner (1749–1817) geordnet war, und einer geologischen Sammlung, deren Ordnung sich auf die Herkunftsregionen der Stücke bezog.

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