Sprache

Faszination Stein

Die Online-Ausstellung erzählt die Frühgeschichte der Geologie, als die naturkundlichen Gelehrten immer mehr in den »Steinbruch der Zeit« hineingerieten und ihnen klar wurde, dass die Erde ein damals unvorstellbares Alter haben müsse. Genau bestimmen konnten sie es zu jener Zeit jedoch nicht. Heute können wir durch einen schnellen Blick ins Internet herausbekommen, dass unsere Erde 4,55 Milliarden Jahre alt ist. Bei der Ermittlung dieses Alters greifen die Geowissenschaftler auf modernste Technik zurück, mit der sich der radioaktive Zerfall von Uran messen und so das Alter von Meteoriten oder Steinen bestimmen lässt. Die Forscher des 18. Jahrhunderts hatten nur ihre Rationalität und Phantasie. Herausgekommen sind dabei zahlreiche uns heute skurril erscheinende »Erdgeschichten«.

Video Poster

Rundgang Teil 1 mit Kurator Dr. Claus Veltmann

Einen Überblick über die gesamte Ausstellung geben Ihnen die Kuratoren in ihrem zweiteiligen Rundgang: 

Naturkunde

Zwar war die Bibel der Maßstab christlichen Wissens, aber man wollte auch durch Naturbeobachtung, durch das ›Lesen im Buch der Natur‹, die von Gott eingerichtete Vollkommenheit der Welt erfahren. Die ersten mittelalterlichen Naturstudien orientierten sich am überlieferten Wissen der Antike. Sie sollten die Allmacht Gottes vor Augen führen und behielten bis in die Frühen Neuzeit ihre Gültigkeit. Die naturkundlich Gelehrten waren nun zudem bestrebt, das Alter der Erde zu bestimmen. Als Grundlage für ihre Berechnungen dienten die Angaben in den biblischen Schriften, weniger die geologischen Indizien.

Der Jesuitenpater Athanasius Kircher (1602–1680) war einer der bekanntesten Gelehrten seiner Zeit. In seinem Werk Die unterirdische Welt spekuliert er über das Erdinnere. Nach seiner Vorstellung besaß der Erdkörper wasser- und feuergefüllte Eingeweide. Ihm ging es nicht um eine Theorie der Erdentstehung, sondern um eine Beschreibung der Erde als wundervolle Schöpfung Gottes. 

Vulkanerde, Kupferstich in: Athanasius Kircher: Mundus subterraneus. In XII libros digestus. Quo Divinum Subterrestris Mundi Opificium, mira Ergasteriorum Naturae in eo distributio, verbo pantamorphon Protei Regnum, Universae denique Naturae Majestas [et] divitiae summa rerum varietate exponuntur [...]. Tomus 1+2. Amsterdam: Janssonius van Waesberge, ³1678, vor 105. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

Erste geologische Erkenntnisse publizierte um 1670 der Däne Niels Stensen (1638–1686), lateinisch Nicolaus Steno. Auf Wanderungen in der Toskana hatte er erkannt, dass Erde und Gesteine über weite Entfernungen hinweg in analoger Reihenfolge geschichtet sind. Zur Erklärung dessen stellte er das sogenannte Lagerungsgesetz auf: Ältere Schichten liegen unten, jüngere oben – eines der Grundprinzipien der Geologie.

Zungensteine/Glossopetren. Halle, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Geowissenschaften und Geographie

Außerdem erkannte er Stensen in Fossilien versteinerte Lebewesen. Bei der Sektion eines Hais entdeckte er, dass es sich bei den sogenannten Zungensteinen, die im Mittelmeerraum häufig in bestimmten Sedimentschichten aufzufinden sind, um versteinerte Haifischzähne handelte. Daraus folgerte er, dass diese Schichten einmal mit Wasser bedeckt gewesen sein mussten.

Gebiss eines Kurzflossen-Makohais. Halle, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Zentralmagazin Naturwissenschaftlicher Sammlungen, Zoologische Sammlung

Bergbau

Weitere Impulse, sich mit geologischen Phänomenen auseinanderzusetzen, gab der Bergbau. Schon seit vorgeschichtlicher Zeit gewannen die Menschen aus der oberen Erdkruste Salz oder Metalle, vor allem Silber-, Kupfer-, Eisen-, Blei- und Zinnerze. Seit der Antike wurden Erze unterirdisch abgebaut, um daraus vor allem Metalle zu gewinnen. Deren große Bedeutung für die Wirtschaft und Gesellschaft führte seit dem Mittelalter zu einer Ausweitung des Bergbaus und zu technischen Innovationen. Georg Agricola (1494–1555) war es, der um 1550 mit seinen Schriften den Bergbau erstmals auf eine wissenschaftliche Grundlage stellte.

Erzgang: Zinkblende/Sphalerit. Halle, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Geowissenschaften und Geographie

Der Arzt Agricola fasste das bergbauliche Wissen seiner Zeit in seinen 12 Büchern vom Bergwerck zusammen. Neben den Techniken des Bergbaus beschrieb er systematisch die Mineralien sowie deren Verbreitung und Nutzen und die Geologie von Lagerstätten. Er stellte dar, wie und mit welchen Techniken Erze im Erdboden aufgespürt und abgebaut werden können. Auch dachte er darüber nach, wie die Stoffe im Inneren der Erde entstehen und suchte nach Erklärungen dafür, warum und wie einige dieser Metalle und Mineralien auf natürlichem Wege an die Erdoberfläche gelangen konnten. Die Bände erschienen zuerst auf Latein und wurden in kurzer Zeit in zahlreiche andere Sprachen übersetzt, so 1557 ins Deutsche. Über zwei Jahrhunderte hinweg blieb es das Standardwerk zur Bergbau- und Hüttentechnik.

Erzgänge im Gelände, Holzschnitte in: Georg Agricola: Vom Bergk=werck XII Bücher, dar=in alle Empter/ Jnstrument/ Gezeuge/ unnd alles zu disem handel gehörig/ mitt schönen figuren vor=bildet/ und klärlich beschriben seindt [...]. Basel: Froben; Episcopius, 1557, 42f. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

Im Widmungsbrief gibt Agricola eine kurze Inhaltsangabe der Bücher:

»D[as] erste[ ] [Buch] enthält das, was gegen diese Kunst und gegen die Bergwerke und Bergleute […] gesagt werden kann. Das zweite entwirft ein Bild des Bergmannes und geht über zu den Erörterungen, wie man sie gewöhnlich über die Auffindung der Erzgänge anstellt...«

»...Das dritte handelt von den Gängen, Klüften und Gesteinsschichten. Das vierte entwickelt das Verfahren des Vermessens der Lagerstätten und legt auch die Ämter der Bergleute dar. Das fünfte lehrt den Aufschluss der Lagerstätten und die Kunst des Markscheidens. Das sechste beschreibt die Werkzeuge, Geräte und Erze. Das siebente handelt vom Probieren der Erze. Das achte gibt Vorschriften über die Arbeit des Röstens, des Pochens, des Waschens und des Dörrens. Das neunte entwickelt Verfahren des Erzschmelzens. Das zehnte unterrichtet die Bergbau Betreibenden darüber, wie man Silber von Gold und Blei von diesem und von Silber scheidet. Das elfte weist die Wege, wie man Silber von Kupfer trennt. Das zwölfte gibt Vorschrift für die Gewinnung von Salz, Soda, Alaun, Vitriol, Schwefel, Bitumen und Glas.«

Einblicke in den Alltag im Bergbau des 16. Jahrhunderts geben die Abbildungen vom Annaberger Bergaltar, von dem Sie eine Kopie in Form eines Bildteppichs sehen. Durch den Silberbergbau wurde das Erzgebirge seit dem Spätmittelalter zu einer der florierendsten Montanregionen in Europa. Davon profitierte auch Annaberg-Buchholz. Nachdem 1491 Silbervorkommen entdeckt worden waren, erhielt der Ort 1497 das Stadtrecht und die Kirche wurde erbaut. Sowohl der Ort als auch die Kirche wurden nach der Schutzpatronin der Bergleute, der Heiligen Anna, benannt.

Bergmännischer Alltag, moderner Bildteppich mit Darstellung einer Bildtafel vom sogenannten Bergaltar in der St. Annenkirche in Annaberg-Buchholz, um 1521 (Original). Halle, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Geowissenschaften und Geographie

Alchemie

Mit Steinen beschäftigte sich auch die Alchemie. In der Frühen Neuzeit waren Alchemisten von der Idee überzeugt, dass es eine anima mundi, eine Weltseele, gebe, die jegliches Wachstum und alle Umwandlungsprozesse in der Natur steuere. Aus ihrer Sicht besaßen auch Metalle und andere Stoffe eine eigene Seele. Alle Dinge der Natur, so meinten sie, strebten stets nach Vollkommenheit. Das Innere der »lebendigen Erde« betrachteten sie als eine Art Gebärmutter, als einen Ort ständigen Werdens und Wachsens, in dem die Metalle und Mineralien heranreifen. Die Alchemisten fragten nach den Eigenschaften dieser und waren vor allem an der Aufbereitung und Umwandlung von einfachen Metallen in höherwertige, zum Beispiel in Gold, interessiert.

Auch erforschten die Alchemisten die Bedeutung der Steinwelt für die Herstellung von Arzneimitteln. Um aus Metallen, Mineralien oder daraus gewonnen Substanzen Medikamente herstellen zu können, entwickelten Alchemisten wie der Arzt Paracelsus (1493/94–1541) besondere Verfahren. Damit wurde die Alchemie zur Grundlage für die spätere Chemie und Pharmazie.

»Der Jaspis ist ein Schild vor der Brust, das Schwert in der Hand und die Schlange unter den Füßen. Er schirmt gegen alle Krankheiten und erneuert Geist, Herz und Verstand.«

Conrad Gessner (1516–1565)

Auch hier in den Franckeschen Stiftungen wurden um 1700 eine Apotheke gegründet und Medikamente hergestellt, die man zumeist selbst entwickelt hatte. Mehrere handschriftliche Rezeptsammlungen liefern uns heute Einblicke in die Rezepturen, nach denen die hauseigenen Waisenhaus-Medikamente hergestellt wurden. Eine Ausnahme dabei bildet jene des bekennenden Alchemisten Samuel Richter (geb. in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts, gest. nach 1722, Pseudonym: Sincerus Renatus). Er gehörte nicht zum Personal der Medikamenten-Expedition, stand jedoch nachweislich mit dem Halleschen Waisenhaus in Kontakt und tauschte sich mit diesem auf pharmazeutisch-alchemistischem Gebiet aus. Bei ihm werden neben Rezepturen, die sich mit dem Lapis Philosophorum, also dem Stein der Weisen, beschäftigen, auch zahlreiche Vorschriften zum ›Verbessern‹ der Metalle (ihrer Umwandlung in jeweils reinere, edlere Metalle wie Silber oder Gold) erwähnt.

Lesender Alchemist in seiner Stube, die ihm gleichzeitig als Laboratorium dient, Radierung, 18. Jahrhundert. Halle, Franckesche Stiftungen: AFSt

Die Rezepte des Halleschen Waisenhauses

Transkription

Tugenden der Edelsteine.
Der Jaspis macht vom Bluten frey
Des Hyacinthus Gaben besämftigen
die kalte Pest,
Der Amethist hält Nüchtern,
Ein Türckis heilt die Wunden fest,
Saphir dint den Gesichtern, Er
ändert deren Pocken Spur, daß
Sie nicht mehr Zusehen.
Smaragd ist wieder rothe ruhr,
Onis lässt Urin gehen
Dorth steht der Diamant oben an,
dem weichet alle Stärcke, weil
man ihn nicht bezwingen kan durch
Macht der Hände Werke.

Der Ökonom und Alchemist Johann Joachim Becher (1635–1682) behandelt in seinem Werk Natur-Kündigung Der Metallen ausführlich, »[w]ie die Metallen gezeuget/ dann geboren/ und endlich aufferzogen werden.« Das Frontispiz des Bandes gibt einen Eindruck von der Fülle und Komplexität alchemistischer Bildsprache:

In der Krone des Baumes befinden sich die alchemistischen Symbole der sechs Metalle Gold, Silber, Quecksilber, Kupfer, Eisen und Zinn jeweils auf einem sternförmigen Untergrund. Der Zeugungsprozess des siebten Metalls, des Bleis, wird sinnbildlich dargestellt. Der Einbeinige, der in der alchemischen Bildsprache für den Planeten Saturn steht, dem das Blei zugeordnet war, lässt aus einem Gefäß mit dem Symbol für Blei eine die Erde befruchtende Flüssigkeit ausströmen (»ALO« = lateinisch für »ich (er)nähre«). Der Stamm des Baumes trägt die Aufschrift »CONCIPIO« (»ich empfange«). Auf die Krone des Baumes wiederum treffen die Strahlen der Sonne, in welchen das Wort »GIGNO« steht (»ich (er)zeuge«). Die über die Weltseele verbundenen Körper von Himmel und Erde bringen so die Metalle hervor, welche der Bergmann (im Kupferstich rechts, auf einen Spaten gelehnt) fördern und weiter verarbeiten kann (»Elaboro« = ich (be)arbeite), sobald er ihren Reifeprozess abgewartet hat.

Allegorie zum Wachstum der Metalle, Kupferstich in: Johann Joachim Becher: Natur-Kündigung Der Metallen. Mit vielen Curiosen/ Beweißthumben/ Natürlichen Gründen/ Gleichnüssen/ Erfahrenheiten/ und bißhero Ohngemeinen Auffmerckungen vor Augen gestellet / Zur Erhaltung der Warheit[ ...]. Frankfurt/Main: Ammon; Serlin, 1661, Frontispiz, Reproduktion. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

Video Poster

Im zweiten Teil des Rundgangs spricht Kurator Tom Gärtig

Kapitelauswahl

entdecken

glauben

sammeln

erforschen