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Dieses Kapitel ist der Entwicklung der Geologie zur anerkannten Wissenschaft gewidmet und zweigeteilt: Stehen im 18. Jahrhundert noch immer die Bibel und Sintfluttheorien im Vordergrund der Debatte, löste sich die »Geognosie«, wie sie damals genannt wurde, bald mehr und mehr von den traditionellen Bezügen zur Bibel oder verknüpfte sie mit neuen Theorien über den Bau und die Entwicklung der festen Erdrinde. An die Stelle des rein spekulativen Nachdenkens trat nun die empirische Erfahrung im Gelände, die es richtig zu interpretieren galt.

Geologie 1750-1800

Naturgeschichte, Bergbau, Alchemie, Sammelleidenschaft und Schöpfungsglaube: um 1750 beginnt sich die Geologie auf dieser Grundlage als eigenständige Naturwissenschaft herauszubilden. Das deutete sich bereits in den vielen Theorien des 18. Jahrhunderts an, die über den Verlauf der Erdgeschichte spekulierten und manchmal von gewaltigen unterirdischen Feuern erzählten. Meistens aber stellten sie die biblische Sintflut ins Zentrum, über deren Auswirkungen und Mechanismen naturforschende Mediziner, Theologen und Gelehrte leidenschaftlich debattierten, darunter weltberühmte Universalgenies wie Gottfried Wilhelm Leibniz, aber auch naturforschende Professoren wie der hallische Mediziner Johann Gottlob Krüger (1715–1759).

In seiner Erdgeschichte vertrat der Hallenser Naturforscher Johann Gottlob Krüger die Ansicht, dass die Sintflut niemals solche gravierenden Veränderungen hätte hervorrufen können, wie sie heute auf der Erde beobachtet werden können. Krüger hielt stattdessen drei große vorsintflutliche Ereignisse für entscheidend, die nacheinander stattgefunden haben mussten: eine allgemeine Überschwemmung, eine globale Erdbebenkatastrophe mit Feuern, die zum Aussterben früher Wasserbewohner und zur Bildung von Schiefergesteinen führte, sowie mehrere lokale Erdbeben, die schließlich die Gesteinswelt zertrümmerten. Wann genau sich all das abgespielt haben sollte, wusste er aber nicht zu sagen.

 

Johann Gottlob Krüger: Geschichte der Erde in den allerältesten Zeiten. Halle: Lüderwald, 1746. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

Johann Esaias Silberschlag (1721–1791), pietistisch orientierter Theologe und Professor für Wasserbau, versuchte in seiner Geogenie zu zeigen, dass sich die Aussagen der Bibel und die Erkenntnisse der exakten Naturwissenschaften nicht widersprechen, sondern gegenseitig erhellen. Die Sintflut, gespeist aus einem riesigen Wasserreservoir im Erdinnern, steht im Zentrum seiner Theorie, der er darüber hinaus auch detaillierte Pläne der Arche beifügte. Die Aufteilung der Tierpaare im rettenden Schiff entspricht dabei Carl von Linnés Systema Naturae.

Johann Esaias Silberschlag: Geogenie oder Erklärung der mosaischen Erderschaffung nach physikalischen und mathematischen Grundsätzen. Erster Theil. Berlin: Realschule, 1780. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts etablierten sich die typischen Methoden der Geologie: Minerale und Gesteine wurden anhand ihrer sinnlichen und chemischen Eigenschaften bestimmt, Gesteinsschichten stratigraphisch untersucht und erste geologische Karten angefertigt.

Die zweiteilige kolorierte Karte des sächsischen Erzgebirges zeigt typische Szenen aus dem Bergbau, der in dieser Region auf eine über 800-jährige Tradition zurückblicken kann und ihre die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung prägte. Wissen und Techniken des erzgebirgischen Bergbaus waren für die Geologie auf ihrem Weg zur Wissenschaft richtungsweisend, ganz besonders im deutschsprachigen Raum. Denn nach dem Siebenjährigen Krieg erfuhr der Bergbau einen regelrechten Modernisierungsschub. Bergakademien wurden gegründet, um auf wissenschaftlicher Grundlage Experten auszubilden, die den Rohstoffabbau zum wirtschaftlichen Wohl des Landes optimieren sollten. Die berühmte Bergakademie im sächsischen Freiberg wurde 1765 gegründet und schnell zum Zentrum und internationalen Vorbild dieser Entwicklung.

Zweiteilige Karte des Erzgebirgskreises mit Darstellungen zum Markscheidewesen und Bergbau sowie zur Erzverhüttung (Mappa Geographica Circuli Metalliferi Electoratus Saxoniae cum omnibus, quae in eo comprehenduntur Praefecturis), kolorierter Kupferstich von Tobias Conrad Lotter und Matthäus Seutter nach Adam Friedrich Zürner, Augsburg, nach 1739. Blatt 1: Westliche Verwaltungsbezirke. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

Dies ist, soweit bekannt, die erste, wenngleich noch grobe, geologische Karte Kursachsens. Sie veranschaulicht die geographische Verteilung der Gesteinsarten mithilfe verschiedener Farben, Zeichen und Buchstaben. Gezeichnet und veröffentlicht wurde sie vom sächsischen Berghauptmann Johann Friedrich Wilhelm von Charpentier (1738–1805), der an der Bergakademie in Freiberg lehrte. Sie war grundlegend für die umfassende geognostische Landesuntersuchung Sachsens ab Ende des 18. Jahrhunderts.

Farbige geologische Karte Sachsens („Petrographische Karte des Churfürstentums Sachsen und der Incorporirten Lande“), kolorierter Kupferstich in: Johann Friedrich Wilhelm Charpentier: Mineralogische Geographie der Chursächsischen Lande. Leipzig: Crusius, 1778. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

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Kurzführung mit Kurator Tom Gärtig

Das beeindruckende Lehrmodell des Treibeschachtes der Grube König David bei Annaberg aus der Zeit um 1800 diente einst dazu, Studenten der Bergakademie die Techniken und Funktionsweisen der Erzförderung unter Tage zu veranschaulichen. Da der Schacht entsprechend der Gebirgsfaltung nicht gerade, sondern s-förmig verläuft, wird er als verzogen bezeichnet. Gut zu erkennen ist auch das darüberstehende Fachwerkhäuschen, das den Göpel – eine wassergetriebene Fördermaschine – beherbergt.

Modell des verzogenen Treibeschachts auf König David zu Annaberg mit Wassergöpel, Holz, Glas, um 1800. Freiberg, TU Bergakademie Freiberg, Kustodie

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Aushängeschild der Freiberger Akademie war der Mineraloge und Bergbauinspektor Abraham Gottlob Werner (1749–1817), dessen feingearbeitete Büste aus Meißener Porzellan hier über die vulkanischen Objekte wacht. Er war zweifellos der bekannteste und einflussreichste Geologe jener Zeit, der Studenten aus aller Welt in die kleine Bergbaustadt im Kurfürstentum Sachsen zog, unter ihnen auch der Romantiker Novalis (1772–1801), der Forschungsreisende Alexander von Humboldt (1769–1859) und der Geologe Leopold von Buch (1774–1853).

Werner etablierte nicht nur die Geognosie, wie die Geologie damals genannt wurde, als empirisch arbeitende Erfahrungswissenschaft, sondern war auch Hauptvertreter des Neptunismus. Die Anhänger dieser einst populären Theorie der Gesteinsentstehung waren davon überzeugt, dass sich nahezu alle Gesteine nach und nach in einem Urozean gebildet und bei sinkendem Wasserspiegel abgelagert hätten, wodurch im Laufe der Zeit typische Schichtfolgen entstanden seien. Diese hatten sie in den mitteldeutschen Gebirgslandschaften genauestens beobachtet. Aktive Vulkane, die es dort ohnehin nicht zu sehen gab, hielten die Neptunisten für nebensächliche Erscheinungen, ohne jegliche Bedeutung für die Erdgeschichte. Die ältere Theorie aber, vertreten von den Vulkanisten, sah gerade in feuerspeienden Vulkanen die wichtigste gesteinsbildende Kraft, auch wenn sie über deren Funktionsweise lediglich spekulieren konnten. Nach seinem Tod verloren Werners neptunistische Thesen rasch an Bedeutung, seine Methoden der Geognosie aber prägten die Forschungspraxis der jungen Geologie bis weit ins 19. Jahrhundert hinein.

Bergrat Abraham Gottlob Werner, Büste aus Biskuitporzellan von Johann Daniel Schöne, 1801. Freiberg, TU Bergakademie Freiberg

Werners Kennzeichenlehre diente der systematischen Beschreibung der äußeren Eigenschaften von Mineralen, die es anhand von Farbe, Geruch, Geschmack, Klang, Schwere, Kälte und Härte mit allen Sinnen möglichst vollständig zu erfassen galt, um sie sicher benennen und klassifizieren zu können. Damit wollte er dem forschenden Geognosten ein einfaches Werkzeug in die Hand geben, um – bei entsprechender Übung – vorgefundene Minerale und Gesteine im Gelände schnell bestimmen zu können. Die Farbe betrachtete er als das wichtigste und zuverlässigste Bestimmungsmerkmal, für das er eine besonders detaillierte Terminologie entwickelte, die alle Varianten und Abstufungen erfassen sollte.

Farbenübersicht zur Mineralbestimmung, in: Abraham Gottlob Werner: Von den äußerlichen Kennzeichen der Foßilien. Leipzig: Crusius, 1774. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

Werner hat nur wenig veröffentlicht, aber sein Wissen in über 40 Jahren Lehrtätigkeit an fast 600 Studenten weitergegeben, die er dazu ermunterte, in seinen Vorlesungen genau mitzuschreiben. Einige dieser Vorlesungsmitschriften haben sich bis heute erhalten. Ernst Friedrich Germar (1786–1853), der in Freiberg bei Werner studiert hatte, gab seinem Schwager Christian Keferstein (1784–1866) seine Aufzeichnungen, der sie wiederum säuberlich abschrieb und anschließend zum Selbststudium verwendete. Werners Vorlesung zur Geognosie beschäftigte sich mit dem Bau des festen Erdkörpers und der natürlichen Folge der Gesteine im Sinne des Neptunismus, die er seinen Studenten anhand von Beispielen näherbrachte, wie die Skizze der abgelagerten Schichten am Brocken im Harz zeigt.

Geognosie. Nach dem Vortrage des Herrn Bergraths A. G. Werner im Jahre 1805–1806, Manuskript von Christian Keferstein [nach Ernst Friedrich Germar], 1807. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

Der Basaltstreit

An der Frage Ist der Basalt im Wasser oder im Feuer entstanden? entzündete sich um 1780 ein jahrelanger scharfer Disput zwischen Neptunisten und Vulkanisten, der als Basaltstreit berühmt geworden ist und uns sogar in Goethes Faust begegnet. Er kann sozusagen als Gründungsdebatte der modernen Geologie in Deutschland gelten. Den Sieg fuhren am Ende die Vulkanisten ein, deren Ansicht sich schließlich im frühen 19. Jahrhundert allgemein durchsetzte. Denn ihre Forschungen, unter anderem in der Eifel und der französischen Auvergne, ließen kaum mehr daran zweifeln, dass Basalt keinesfalls ein Kind des Wassers sein konnte. Heute wissen wir, dass Basalt ein vulkanisches Gestein ist, das entsteht, wenn dünnflüssiges Magma an der Erdoberfläche oder im Ozean austritt und relativ schnell zu Basaltlava erkaltet. Die ozeanische Kruste besteht hauptsächlich aus Basalt, aber auch auf dem Festland, etwa in den deutschen Mittelgebirgen, kommt das feinkristalline Gestein häufig vor.

Wenn Lava langsamer abkühlt und sich zusammenzieht, kann es zu Spannungen im Gestein kommen. Die dabei auftretenden Schrumpfungsrisse verlaufen senkrecht zu den Abkühlungsflächen, wodurch sich polygonale – häufig sechseckige – prismatische Säulen bilden. Dieser Säulenbasalt ist überall auf der Welt zu finden, in Deutschland zum Beispiel in der Eifel, im Erzgebirge oder in der Oberlausitz, wo auch dieses Exemplar herkommt.

Basaltsäule, Steinberg im Stadtwald bei Ostritz, Oberlausitz / Sachsen. Halle, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Geowissenschaften und Geographie

Berühmt sind die großen Basaltsäulengebiete in Nordirland und an der schottischen Westküste, wie etwa auf der kleinen Insel Staffa. Scipione Breislaks (1750–1826) Atlas der Basaltformationen führte Zeitgenossen den Reichtum der bisweilen bizarren Basaltlandschaften Europas und Mexikos auf hochwertigen Kupferstichen vor Augen.

Geschwungene Basaltsäulen auf der Insel Staffa, Kupferstich in: Scipione Breislak: Atlas Géologique ou vues de Colonnes Basaltiques faisant suite aux Institutions Géologiques. Mailand [: o. V.,] 1818, 8, Reproduktion. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

Die Vulkanisten maßen feuerspeienden Vulkanen und vermeintlichen großen unterirdischen Feuern zentrale Bedeutung für die Gesteinsbildung zu, wenngleich sie das zugrundeliegende Prinzip aufsteigender Gesteinsschmelzen (Magma) noch nicht erkannten.

Strick- oder auch Pahoehoe-Lava. Halle, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Geowissenschaften und Geographie

Werner und seine Anhänger wie Gegner orientierten sich noch stark an der Vorstellung klassischer Schichtvulkane mit großen Kratern wie dem Ätna oder dem Vesuv, die Asche und Lavaströme hervorbrachten und immer wieder beliebte Ziele von Forschungs- und Kavaliersreisen waren.

Spitze des Bergs Aetna, Kupferstich in: Lazzaro Spallanzani: Reisen in beyde Sicilien und in einige Gegenden der Appenninen. Leipzig: Dyck, 1795–1798, Taf. II. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

Geologie 1800–1850

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatten sich zunächst die Forschungsmethoden der Geologie allmählich herausgebildet, wie etwa die Mineral- und Gesteinsanalyse, die Untersuchung von Gesteinsschichten im Gelände, das Anfertigen von geologischen Karten oder die Beschreibung von Fossilien. Nun, um 1800, stand die Geologie inmitten ihrer Blüte und entwickelte sich zu einer regelrechten Modewissenschaft. Aufwendige Forschungsreisen und Exkursionen führten häufig zu vollkommen neuen Erkenntnissen und waren für jeden Geologen, der etwas auf sich hielt, unverzichtbar.

Viele Geologen des frühen 19. Jahrhunderts, Katastrophisten genannt, meinten, die Erde sei in der Vergangenheit wiederholt durch gewaltige Naturkatastrophen grundlegend verändert worden. Einige von ihnen hielten die biblische Sintflut für die jüngste und vorerst letzte Katastrophe, die das heutige Aussehen der Erde geprägt habe. Nach 1830 setzte sich die Überzeugung durch, dass die Erde seit ihrer Entstehung einem unablässigen Wandel unterliege, der unspektakulär, extrem langsam und oft tief in ihrem Innern ablaufe. Auch wenn er nicht unmittelbar beobachtet werden könne, vermöge er dennoch, Gebirge hervorzubringen und wieder abzutragen – durch Zeiträume jenseits aller Vorstellungskraft. Die »Entdeckung der Zeit« war eine der bedeutendsten Errungenschaften auf dem Weg zur modernen Geologie.

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Katastrophismus

Georges Cuvier (1769–1832) gilt als Hauptvertreter der im frühen 19. Jahrhundert noch populären Katastrophentheorie. Seine Forschungen waren wegweisend für die moderne Paläontologie, denn es gelang ihm, viele ausgestorbene Tierarten oft nur anhand weniger versteinerter Knochenreste erstaunlich genau zu rekonstruieren. Da diese nur in bestimmten Gesteinsschichten vorkamen, schien klar, dass die Erde sich immer wieder sprunghaft verändert haben musste. Das erste fossile Skelett eines Plesiosaurus, eines langhalsigen Meeresreptils, wurde allerdings von einer Frau im Jahr 1821 entdeckt und minutiös freigelegt: der Fossiliensammlerin Mary Anning (1799–1847), die wenige Jahre zuvor auch das erste Skelett eines Fischsauriers (Ichthyosaurus) ausgegraben hatte.

Fossiles Skelett eines Plesiosauriers, Kupferstich in: Georges Cuvier: Discours sur Les Révolutions De La Surface De La Globe Et Sur Les Changesmens Qu’elles Ont Produits Dans Le Règne Animal. 3. Edit. Paris, Amsterdam: Dufour, Maison, 1825. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

Aktualismus

Ein vehementer Gegner Cuviers war der britische Geologe Charles Lyell. Er behauptete, dass Cuvier und all die anderen sogenannten Katastrophisten die geologischen Befunde vollkommen falsch deuteten. Was auf den ersten Blick wie ein plötzlicher, gewaltiger Umbruch erscheine, sei in Wahrheit das Ergebnis unendlich langsamer, gleichförmiger und kontinuierlicher Prozesse. In einem ewigen Kreislauf entstünden so Landschaften und Lebenswelten, die sich wandelten und wieder vergingen. Die gleichen geologischen Kräfte und Prinzipien, die vor Millionen von Jahren schon wirkten, prägten die Erdoberfläche laut Lyell auch heute noch. Lyells Prinzip des steten Wandels, der kaum sichtbar ablaufe, sich anhand weniger Spuren aber rekonstruieren lasse, wird Uniformitarismus oder auch Aktualismus genannt. Beide Sichtweisen, Katastrophismus und Uniformitarismus, standen sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegenüber.

Bändererze sind eisenhaltige marine Sedimentgesteine mit magnetischen Eigenschaften, die in der Frühzeit der Erde entstanden sind und somit zu den ältesten Gesteinen der Erde gehören. Da im Meerwasser und der Atmosphäre noch kein Sauerstoff vorhanden war, sind sie nicht oxidiert. Unter den heutigen Bedingungen auf der Erde können sie nicht mehr entstehen und widerlegen so die These des Aktualismus.

2,7 Milliarden Jahre altes Bändereisenerz (= Banded Iron Formation, BIF) von der Halbinsel Kola, Russland. Halle, Privatbesitz Thomas Degen

Die Illustrationen aus der Agenda Geognostica zeigen ausgewählte Werkzeuge, Geräte und Messinstrumente der Geologie des frühen 19. Jahrhunderts: Geologenkompass mit Gradbogen (12), Gradbogen mit Lot (13), einfaches Klinometer (14), Differenzial-Barometer (15), Register-Thermometer nach James Six (16) und Daniel Rutherford (17). Neben dem obligatorischen Hammer, dem Hauptwerkzeug des Geologen, waren vor allem der Kompass mit Gradbogen und das Barometer zur Höhenmessung unentbehrlich. Das Buch geht auch auf die Handhabung und Praxistauglichkeit der teuren wie empfindlichen Ausrüstung ein und empfiehlt verlässliche Hersteller. Gute Instrumente, die die Kartierungsarbeit erleichterten, waren für den Geologen unverzichtbar. Sie lieferten immer mehr und vor allem genauere Daten, um den Geheimnissen der Gesteinswelt auf die Spur zu kommen.

Gerätschaften und Messinstrumente der Geologie des frühen 19. Jahrhunderts, Kupferstiche in: Carl Cäsar von Leonhard: Agenda Geognostica. Hülfsbuch für reisende Gebirgsforscher und Leitfaden zu Vorträgen über angewandte Geognosie. Heidelberg: Mohr, 1829, Taf. II, Reproduktion. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

Ideale Profildarstellungen der Erdrinde, die im Laufe des 19. Jahrhunderts immer beliebter wurden, sollten alle wesentlichen geologischen Verhältnisse und Prozesse übersichtlich auf einen Blick veranschaulichen. Sie spiegeln den Wissensstand ihrer Entstehungszeit, aber auch die individuellen Ansichten der Autoren zu den treibenden Kräften und Prinzipien der Erdgeschichte wider.

Idealer Durchschnitt der Erdrinde nach dem heutigen Standpunkte der Geognosie, Farblithographie in: Atlas zu Alex. v. Humboldt’s Kosmos in zweiundvierzig Tafeln mit erläuterndem Texte. Hg. v. Traugott Bromme. Stuttgart: Krais & Hoffmann, 1851, Reproduktion. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

Der englische Geologe Henry Thomas de la Bèche (1796–1855) schuf 1830 mit seinem später oft kopierten und adaptierten Aquarell die erste Rekonstruktion einer vorzeitlichen Lebenswelt mit Pflanzen und Tieren. Er stützte sich dabei auf Funde aus Südwestengland. Zwischen Flugsauriern, Schildkröten und Krokodilen finden sich – in einen dramatischen Kampf verwickelt – Plesiosaurus und Ichthyosaurus, die erstmals von Mary Anning ausgegraben worden waren.

Rekonstruktion einer prähistorischen Landschaft mit Flora und Fauna (Duria Antiquior), Lithographie von George Scharf nach einem Aquarell von Henry Thomas de la Bèche, um 1845. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

verstehen

Die Geologie entwickelte sich um 1800 zu einer regelrechten Modewissenschaft, die sowohl Naturforscher als auch Laien anzog, so auch den hallischen Juristen Christian Keferstein (1784–1866), dem dieses Kapitel gewidmet ist. Schon als Kind begeisterte er sich für Steine und legte eine umfangreiche Sammlung an, die er später den Franckeschen Stiftungen schenkte. Als Amateurgeologe brachte er es zu einigem Ansehen, unter anderem durch sein ehrgeiziges Pionierprojekt einer geologischen Karte ganz Deutschlands.

Wir wissen leider nicht, wie Christian Keferstein ausgesehen hat. Vielleicht können wir ihn uns ein bisschen so vorstellen wie den ganz in die andächtige Betrachtung eines Steins versunkenen Geologen auf dem Bild von Carl Spitzweg (1808–1885). »Bald wurde der Wanderstab auch weiter gesetzt; […] stets hatte ich den Ränzel auf dem Rücken, den Hammer in der Hand und war mit Steinen beladen«, schrieb Keferstein in seinen Memoiren. Spitzwegs Forscher wirkt dabei etwas aus der Zeit gefallen und mit der fürs Steinesammeln ungeeigneten Botanisiertrommel eher schrullig. Keferstein hingegen stand auf der Höhe der Zeit und galt lange als respektabler und engagierter Geologe.

Der Geologe, Öl auf Leinwand von Carl Spitzweg, um 1860/65 Schweinfurt, Museum Georg Schäfer

Keferstein entstammte einer alten Papiermacher-Familie, sein Urgroßvater war einst Pächter der Papiermühle am Saaleufer in Kröllwitz. Christian aber, der in einem aufgeklärten und gebildeten Haushalt aufwuchs, sollte kein Papiermüller werden, sondern Jurist, ganz wie sein Vater. Schon bald nach seinem Universitätsstudium praktizierte Keferstein als Rechtsanwalt; erfolgreich und mit beachtlichem Einkommen zwar, aber ohne rechte Leidenschaft. Seit Kindheitstagen galt seine eigentliche Liebe der Welt der Steine, die durch einen geheimnisvollen Dachbodenfund entfacht wurde: ein Kästchen mit funkelnden Mineralien, das einst seiner Mutter gehört hatte und dem sich der Knabe fortan begeistert widmete. Dieser kleine Schatz bildete den Grundstock seiner späteren großen Sammlung. Als Schüler und Student beschäftigte sich Keferstein in jeder freien Minute mit den Naturwissenschaften, besuchte die mineralogischen Sammlungen der Stadt, hörte Vorlesungen in Chemie und Physik und durchstreifte die Umgebung Halles auf der Suche nach außergewöhnlichen Exemplaren für seine Gesteinssammlung. Später, als er schon mitten im Berufsleben stand, besuchte er die naturphilosophischen Kollegien des charismatischen Naturforschers Henrik Steffens (1773–1845). Seine Freizeit widmete er ganz der Mineralogie und Geognosie, deren Handwerkszeug er sich nach und nach aneignete. Unterstützt wurde er dabei von seinem Schwager Ernst Friedrich Germar, der sich vor allem mit fossilen Insekten beschäftigte und Keferstein seine Vorlesungsmitschriften aus Studententagen zum Selbststudium überließ. Germar hatte im sächsischen Freiberg das Bergfach beim Mineralogen und Ober-Neptunisten Abraham Gottlob Werner studiert, dem Sie in der vierten Abteilung bereits begegnet sind. Keferstein, der lieber in der Natur beobachtete, als am Schreibtisch zu hocken, unternahm nun immer ausgedehntere Reisen, von denen er vor der Naturforschenden Gesellschaft und zunehmend auch in eigenen Schriften berichtete.

Als verheirateter Königlich-Preußischer Justiz-Kommissar und Hofrat mit einem ansehnlichen Vermögen zog sich Keferstein in den 1820er Jahren allmählich aus dem juristischen Dienst zurück, um nun ausschließlich für die Wissenschaft zu leben. Er machte es sich zur Hauptaufgabe, die vielen deutschen Regionen mit ihren Mittelgebirgen, aber auch die Alpenbergwelt zu durchwandern und geologisch zu untersuchen. Dabei begegnete er den bedeutendsten Naturforschern und Geologen seiner Zeit – Johann Carl Wilhelm Voigt (1752–1821), Ami Boué (1794–1881) und Carl Cäsar von Leonhard (1779–1862) etwa –, mit denen er Beobachtungen austauschte und allmählich ein ansehnliches Korrespondenznetzwerk knüpfte.

Auf seinen zahlreichen geognostischen Reisen wollte er sich einen gründlichen Überblick über die geologischen Verhältnisse ganz Deutschlands und Mitteleuropas verschaffen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse mündeten schließlich in einem Projekt, das ihn zehn Jahre lang beschäftigte: einem farbigen geognostischen Atlas samt wissenschaftlicher Fach-zeitschrift. Kolorierte geologische Karten waren an sich nichts Neues, hatten sich aber bis-her nur auf bestimmte Regionen beschränkt und verzeichneten vor allem wirtschaftlich verwertbare Bodenschätze. Was Keferstein jedoch vorschwebte, eine geologische Generalkarte Deutschlands nämlich, ergänzt durch regionale Spezialkarten, war zu diesem Zeit-punkt etwas Einzigartiges. Zusammen mit einem Weimarer Wissenschaftsverlag, der den Druck übernahm und topographische Karten bereitstellte, auf die Keferstein die Grenzen der Gesteinsformationen übertrug, entstand so die erste geologische Überblickskarte Gesamtdeutschlands.

Besonders schwierig war die Wahl der passenden Farben, um die verschiedenen Gesteine deutlich und ästhetisch ansprechend hervorzuheben. Kein geringer als Johann Wolfgang von Goethe, der sich ebenfalls für Geologie begeisterte, konnte dafür gewonnen werden, ein ausgewogenes Farbsystem zu entwerfen, was Keferstein mit großem Stolz erfüllte. Unter dem Titel Teutschland geognostisch-geologisch dargestellt, mit Charten und Durchschnittszeichnungen, welche einen geognostischen Atlas bilden erschienen Karten und Zeitschrift in sieben Bänden mit insgesamt 20 Heften. Der erhoffte Erfolg aber wollte sich nicht so recht einstellen, denn sie verkauften sich nur mäßig. Zu allem Übel hatte der renommierte Geologe Leopold von Buch ein weitaus detaillierteres Konkurrenzprodukt veröffentlicht, das Kefersteins Bemühungen schlagartig in den Schatten stellte. Es war das vorzeitige Aus für das ambitionierte Kartenprojekt, das der Amateurgeologe Christian Keferstein weitestgehend im Alleingang bewältigt hatte.

Diese Niederlage bedeutete jedoch keineswegs das Ende für sein Wirken: bis 1840 durchreiste er weiterhin die Gebirge Mittel- und Osteuropas und publizierte seine Erkenntnisse, veröffentlichte gar eine hoch angesehene Geschichte der Geognosie seit ihren Anfangstagen. Mit fortschreitendem Alter jedoch fiel ihm das kräftezehrende Wandern immer schwerer. Er suchte nach neuen Betätigungsfeldern, die sich notfalls auch bequem vom Schreibtisch aus durchstreifen ließen und fand sie in der Ethnographie, Archäologie und Sprachgeschichte. Keferstein starb, von der Fachwelt bereits nahezu vergessen, am 28. August 1866 in seiner Heimatstadt.

Heute sind seine erhaltenen Zeugnisse und Sammlungen wie die vielen Gesteine und Mineralien, seine Forschungsbibliothek und die faszinierenden Karten ein wertvoller Schatz, der spannende Einblicke erlaubt in eine Naturwissenschaft im Entstehen.

»Seit dem ich das Vergnügen hatte, Sie in Paris zu sehen haben Sie nicht aufgehört Ihre Thätigkeit auf die Gebilde von Deutschland zu richten«

Alexander von Humboldt (1769-1859) an Christian Keferstein (1784-1866)Brief von Alexander von Humboldt an Christian Keferstein, Berlin, 14. März 1828. Halle, Franckesche Stiftungen: AFSt

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) versicherte in seinem Brief, Kefersteins Arbeit an den geologischen Karten »theilnehmend verfolgen« und sich »von Zeit zu Zeit mit den ausführenden Künstlern« besprechen zu wollen. Zudem zeigte er sich zuversichtlich, dass es dem Kartenprojekt »an guter Wirkung […] nicht fehlen« werde.

Wenige Jahre nach ihrem Zusammentreffen in Paris bedankte sich Alexander von Humboldt (1769–1859) bei Keferstein für einen Brief und die Übersendung »Ihres so überaus lehrreichen und wichtigen Werkes«. Weiter schrieb er: »Seit dem ich das Vergnügen hatte, Sie in Paris zu sehen haben Sie nicht aufgehört Ihre Thätigkeit auf die Gebilde von Deutschland zu richten«. Humboldt versprach, »überall, nach meinen geringen Kräften, dazu beizutragen Ihre Zwekke zu fördern.« Keferstein hatte sich von seiner Bekanntschaft mit Humboldt offensichtlich aber nicht nur dessen Fürsprache in einflussreichen Kreisen versprochen, sondern ihn darüber hinaus gebeten, dem preußischen König und dem Kronprinzen Exemplare seiner Werke zu überreichen. Diesen »gütigst geäußerten Wunsch« aber, »erlaubt es meiner Lage leider! nicht unmittelbar zu erfüllen, da eherne Gesetze der Form diese Sendungen […] bestimmen.« Keferstein wusste wohl und wollte davon profitieren, dass Humboldt seine Nähe zum preußischen Königshaus gelegentlich nutzte, um sich für kulturelle und wissenschaftliche Anliegen einzusetzen und junge talentierte Künstler und Wissenschaftler zu fördern.

Die historischen Karten aus dem Nachlass des halleschen Geologen und Mineralogen Christian Keferstein sind nun auch in den Digitalen Sammlungen des Studienzentrums August Hermann Francke verfügbar.

Ein Jahr nach seinem Erstlingswerk veröffentlichte Keferstein ein weiteres Buch zu den »basaltischen Gebilden«, dem nun eigene Beobachtungen in Sachsen, Hessen, Bayern und den Rheingegenden zugrunde lagen, wo er »sehr deutliche Beweise für ihre Vulkanität« fand. Zu dieser Zeit, kurz nach Werners Tod, war die Ansicht von der neptunischen Entstehung des Basalts zwar noch allgemein verbreitet, fand aber in der Fachwelt immer weniger Anhänger.

Kärtchen der Gegend um Bad Bertrich (Vulkaneifel), kolorierter Kupferstich nach einer Zeichnung Christian Kefersteins in: Christian Keferstein: Geognostische Bemerkungen über die basaltischen Gebilde des westlichen Deutschlands; als Fortsetzung der Beyträge zur Geschichte und Kenntniß des Basaltes. Halle: Hendel, 1820. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

Die Herausgabe dieser Zeitschrift, das Verfassen der Artikel und die Erarbeitung der Karten beschäftigten Keferstein zehn Jahre lang. Absatzprobleme und Spannungen mit dem Verleger brachten das ambitionierte Projekt nach sieben Bänden mit insgesamt 20 Heften schließlich zum Erliegen.

Teutschland, geognostisch-geologisch dargestellt, mit Charten und Durchschnittszeichnungen, welche einen geognostischen Atlas bilden. Eine Zeitschrift. Hg. v. Christian Keferstein. Bd. 1. Weimar: Landes-Industrie-Comptoir, 1821, Titelblatt. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

In seiner Autobiographie schilderte Keferstein hauptsächlich sein Wirken in der Geologie der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dabei inszenierte er sich als unabhängiger, den herrschenden Ansichten mutig entgegentretender Geologe. Die stets erhoffte Anerkennung von Fachkollegen blieb ihm allerdings weitgehend verwehrt. Nach 1840 wandte sich Keferstein, auch wegen seines fortgeschrittenen Alters, das keine Wanderungen mehr zuließ, anderen Themen zu – wiederum mit ganz eigentümlichen Thesen. So versuchte er etwa mittels Sprachforschung und archäologischen Quellen, das »Keltenthum der Germanen« zu beweisen.

Gebildete Dilettanten wie Keferstein waren noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts keine Seltenheit und bereicherten mit ihrer Forschung die Geologie auf ihrem Weg zur anerkannten Wissenschaft. Um 1850 aber wurden sie zu einem Auslaufmodell, die Zeiten der Quereinsteiger ohne naturwissenschaftliches Studium waren nun vorbei. Die Geologie hatte sich als eigenständige Wissenschaft an den Universitäten etabliert.

Christian Keferstein: Erinnerungen aus dem Leben eines alten Geognosten und Ethnographen mit Nachrichten über die Familie Keferstein. Skizze der literarischen Wirksamkeit. Halle: Anton, 1855, Titelblatt. Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt

»Wir können also das Menschengeschlecht als eine Schar kühner, obwohl kleiner Riesen betrachten, die allmählich von den Bergen herabstiegen, die Erde zu unterjochen und das Klima mit ihrer schwachen Faust zu verändern. Wie weit sie es darin gebracht haben mögen, wird uns die Zukunft lehren.«

Johann Gottfried Herder (1744–1803)Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784–1791)

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Spätestens seit Beginn der industriellen Revolution vor rund 250 Jahren greift der Mensch massiv in das globale Ökosystem ein und beeinflusst zugunsten seiner stetig wachsenden Bedürfnisse atmosphärische, biologische und geologische Prozesse. Was sich in Jahrmillionen entwickelte, vermag er innerhalb weniger Generationen unwiederbringlich zu zerstören. Angesichts der unvorstellbar langen Erdgeschichte, die sich im 19. Jahrhundert offenbarte, galt der Mensch lange Zeit als nahezu unbedeutende Randerscheinung ohne großen Einfluss. Nun rückt er wieder mitten ins Zentrum des Geschehens. Deshalb wird nicht nur unter Geologen darüber diskutiert, ob durch diesen tiefgehenden menschlichen Eingriff eine neue geologische Erdepoche eingesetzt hat: das Anthropozän – das Zeitalter, in dem der Mensch fundamental die Erde verändert.

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